Mein Buch des Jahres: Mira Magén, Wodka und Brot

„Ein schönes Lied“, sagte ich.
„Die Melodie ja, aber der Text? Ich weiß nicht. Kennst du jemanden, der über die Terrasse verschwunden ist?“
„Mein Mann. Nicht über die Terrasse, aber er ist verloren gegangen.“
(Mira Magen, Wodka und Brot, S. 272)

Seit Jahren verschenke ich zu Weihnachten gerne mein persönliches „Buch des Jahres“. Dieses Jahr hat dieses Buch allerdings lange auf sich warten lassen und ich hatte schon befürchtet, mit der Tradition brechen zu müssen. Zeruya Shalevs „Für den Rest des Lebens“ (erschienen im Januar) legte ich nach mehreren gescheiterten Versuchen, bei der Sache zu bleiben, vorläufig beiseite (obwohl ich zu den wirklich eingefleischten Fans von Zeruya Shalev gehöre und sehr auf dieses Buch gewartet hatte). Die so widersprüchlich bewerteten „Fliehkräfte“ von Stephan Thome machten mich nicht wirklich froh (siehe meine Rezension hier). Schließlich las ich im November den Roman „Lola Bensky“ von Lily Brett, der definitv diesen WOW-Effekt in mir auslöste (Bericht folgt). Ihn zu verschenken wäre mir allerdings schwer gefallen. Schließlich erhielt ich im November „Wodka und Brot“ von Mira Magén zur Rezension (erschienen im Oktober 2012) und war nach wenigen Seiten überwältigt. Dass das mein „Buch des Jahres“ werden würde, war sofort klar.

Die Geschichte zu erzählen wäre unklug, sie anzureißen ist schwieirg, ohne sich in vagen Andeutugen und Allgemeinplätzen zu verlieren. Als „Eckdaten“ deshalb nur soviel: Eines Tages beschließt Gideon, ein erfolgreicher Rechtsanwalt, Frau und Sohn zu verlassen, um sich – sagen wir – eine Art „Auszeit“ zu nehmen. Amia bleibt mit ihrem Sohn Nadav und vielen Fragen allein zurück – auch mit der Frage, welche Wendungen ihr Leben jetzt nehmen wird.

Mira Magén erzählt von gescheiterten Menschen, gebrochenen Biographien, von Verbitterung, Angst und Wut, aber auch von Zärtlichkeit, Mut und tiefen zwischenmenschlichen Begegnungen. Wo Thomes Fliehkräfte seinen Protagonisten haltlos an der Oberfläche paddeln ließen, taucht Mira Magen ohne weitschweifende Analysen und irgendwie auch ohne viele Worte zu machen tief ein in menschliche Abgründe. Dabei verzeiht man ihr problemlos manche allzu glatte Wendung, die eine oder andere unrealisitische Konstruktion – bzw. liest man darüber hinweg, weil es unwichtig ist. Der Roman hat genau das, was es braucht um ihn zu meinem „Buch des Jahres“ zu machen“ – er hat Sogwirkung, ich war nicht wegzubekommen von ihm und nach dem letzten Schließen der Buchdeckel blieb nur ein einziges Wort: wow.

Mira Magén, Wodka und Brot
dtv premium
Aus dem Hebräischen übersetzt von Mirjam Pressler
Deutsche Erstausgabe
400 Seiten
ISBN 978-3-423-24923-2

d&l 12/2012, cdl.

 

 

Hörbuch-Tipp: Eric-Emmanuel Schmitt „Die Frau im Spiegel“

Spannend und unterhaltsam: Eric-Emmanuel Schmitt konstruiert einen Roman um drei Frauenfiguren aus ganz unterschiedlichen Epochen – drei Frauen, die sich aus den gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit befreien.

Die Flämin Anne lebt zur Zeit der Renaissance in Brügge. Sie fühlt sich zur Mystik und zur Gemeinschaft der Beginen hingezogen. Heiraten und Kinder bekommen, wie man es von ihr erwartet, möchte sie nicht. Am Tag ihrer Hochzeit flieht sie Hals über Kopf in die Wälder.

Hanna ist in ihrer Ehe kinderlos geblieben und hat eine Zwangsneurose entwickelt. Deshalb begibt sie sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts im kaiserlichen Wien in eine „psychoanalytische Kur“ bei einem Freud-Schüler. „Doktor Caligari“ hilft ihr, sich selbst und ihre Wünsche besser zu verstehen und ermutigt sie, sich von den Erwartungen der Gesellschaft nicht in einer Rolle zwingen zu lassen.

Die Schauspielerin Anny Lee lebt im heutigen Los Angeles. Sie ist erfolgreich, begehrt und steht als gefeiertes Hollywood-Sternchen im Licht der Öffentlichkeit. Glücklich ist sie nicht. Drogen, Alkohol und Sex bestimmen ihr Leben.

Aller drei Frauen eint das Gefühl anders zu sein, die Erwartungen der Gesellschaft nicht erfüllen zu können – und es auch nicht zu wollen. Alle drei kämpfen um ihre Position im Leben. Auch ihre Geschichte ist auf sonderbare Weise ineinander verwoben – doch Details zu verraten, würde zu viel von der Spannung nehmen. Denn das ist der Roman vor allem – ungeheuer spannend. Deshalb ist er für ein Hörbuch als geradezu prädestiniert. Noch dazu wenn es so hervorragend gelesen ist. Manchmal blieb ich beim Heimkommen vor dem Haus im Auto sitzen, weil ich mich nicht losreißen konnte…

Eric-Emmanuel Schmitt gelingt es, sensibel in die Not der drei Frauen einzutauchen und (ohne zu kompliziert zu werden) eher intuitiv und sehr mutig zu deuten. Besonders Anne von Brügge und die neurotische Hanna sind sehr gut gelungen, Anny Lee fand ich allerding mächtig überzeichnet, hier wäre weniger für mein Empfinden mehr gewesen. Im Übrigen gelingt es dem Roman auch neugierig zu machen – ich habe mir vorgenommen, mich einmal intensiver mit der Beginen oder den frühen Zeiten der Psychoanalyse zu beschäftigen – beide Themen fand ich sehr spannend und habe mich gefreut, auf so angenehme Weise auch etwas dazuzulernen.

Der Autor Eric-Emmanuel Schmitt hat bereits Millionen von Lesern mit seinen Büchern begeisterte. Die wohl bekanntesten dürfen „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ und „Oskar und die Dame in Rosa“ sein. Er ist vor allem für leichte Unterhaltung bekannt und so ist auch „die Frau im Spiegel“ leichte, unterhaltende Prosa – übrigens auch ein schönes Geschenk.

Eric-Emmanuel Schmitt „Die Frau im Spiegel“
Hörbuch, Argon-Verlag
7 CDs in Klappdeckelbox (8 Stunden, 37 Minuten Spielzeit)
24,95 €

D&L/cdl. 11/2012

Stephan Thome, Fliehkräfte (Buchbesprechung)

Erkläre uns einer die Männer…

Wenn man weiß, dass ein Buch für einen großen Buchpreis nominiert ist, schreibt man unweigerlich voreingenommen. Das gilt auch (und vielleicht insbesondere) wenn man selber nach dem Lesen eher verhalten positiv gestimmt war. Unweigerlich unterzieht man die eigene Wahrnehmung einer Inspektion. Hat man etwa unter falschen Voraussetzungen, gar mit einer verzerrten Perspektive gelesen? Und doch: mir haben es die „Fliehkräfte“ keineswegs so sehr angetan, wie anderen Rezensenten – und das mag tatsächlich an meiner Perspektive liegen.

Wenn mir jemand, den ich liebte (oder zu lieben glaubte), sagte, er halte es nicht aus, wo und wie er mit mir lebt, ihm falle die Decke auf den Kopf, er fühle sich leer und nutzlos, wolle weg, lieber heute als morgen – für mich wäre das ein klares Statement, an dem es nichts zu deuten gibt. Ganz egal, wie ich selber die Sache sähe, ich machte mir auf jeden Fall Gedanken – vermutlich sogar recht viele. Erst Recht, wenn dieser Zustand jehrelang anhielte, käme ich ganz schön in Bedrängnis und wüsste, dass ich zu handeln habe. Zumindest wüsste ich, dass ich reden muss, Dinge klären, Lösungen finden. Liegt das vielleicht daran, dass ich eine Frau bin? Ticken Männer ganz anders? Und ist das womöglich der große Verdienst des Romanes, dass uns die „Fliehkräfte“ einen wunderbaren Einblick in männliches Denken gewähren?

Hartmut Hainbach, der Protagonist der Romans nämlich sieht in den jahrelangen Apellen seiner Frau Maria keineswegs eine Handlungsaufforderung. Offenbar sieht er nicht einmal eine Notwendigkeit, die Dinge im Auge zu behalten. Wie vom Donner gerührt ist er, als Maria nach Jahren des Leidens und des Frustes (von dem er nicht wirklich etwas mitbekommen hat – oder mitbekommen haben will) Nägel mit Köpfen macht und allein nach Berlin geht. Und selbst dann noch ist er eigentlich voll und ganz mit sich beschäftigt, mit seiner Vergangenheit, seiner Geschichte, seinen Bedürfnissen, seinem Leid, seinen Plänen. Erst recht, als er selber ein Angebot aus Berlin bekommt und darüber nachdenken muss, sein gewohntes Leben aufzugeben und seiner Frau zu folgen. Überall sucht er Antworten, auch bei anderen Frauen und schließlich in einer Reise. Er weiß zwar, dass er seine Frau zurück haben möchte, aber wirklich vorkommen tut sie in seinem Leben nicht – jedenfalls erscheint es mir so. Von allem, was sonst für ihn wichtig ist, handelt dieser Roman.

Hartmut Hainbach ist Ende Fünfzig und Philosophieprofessor in Bonn. Das ist er leidlich gern – im Gegensatz zu seiner Frau hat er sich auch mit dem Leben in Bonn abgefunden, auch damit, dass es mir einer Berufung nach Berlin – dem eigentlichen Plan – nie geklappt hat. Man hat ein Häuschen gekauft, die Tochter großgezogen und die einstigen Träume aufgeben, man hat das Leben eben einfach irgendwie fließen lassen. Jetzt ist die Tochter ausgezogen und Maria ist allein nach Berlin gegangen, wo sie am Theater im Ensemble ihres Exfreundes, eines berühmte Regisseurs, arbeitet und in einem für ihren Mann unverständlichen Provisorium lebt. In der Einsamkeit kommen Hartmut nach und nach dann doch Zweifel – am eigenen Leben, den getroffenen Entscheidungen und daran, ob es nicht vielleicht Sinn machen könnte, sich nicht mehr treiben zu lassen.
Das überraschende Jobangebot eines gemeinsamen Freundes, der einen Berliner Verlages leitet, bringt Hartmut an neue Grenzen – vielleicht sollte er doch über alle Unwägbarkeiten hinweg vermeintliche Sicherheiten aufgeben, die Zukunft selber in die Hand nehmen und einen Neuanfang wagen. Weil ihm in Bonn die Decke auf den Kopf fällt, macht er sich kurzentschlossen auf den Weg und begibt sich auf eine Reise mit vielen Zwischenstationen – über Paris, wo er eine Exfreundin besucht, nach Südfrankreich zu einen ehemaligen Fakultätskollegen, in die spanische Pilgerstadt Santiago de Compostela, wo die Tochter studiert, bis ins portugiesische Bergdorf Rapa, dem Heimatdorf seiner Frau.

Keine Frage: das Thema ist hochspannend. Man findet die  Lebensthemen einer ganzen (Akademiker-)Generation darin. Und sicherlich findet sich mancher auch ganz persönlich in den Fragen wieder, die Hartmut sich stellt – was Thomes Romanfigur erlebt, ist sicherlich für viele von uns nachvollziehbar und wir gehen alle irgendwann durch diese und ähnliche Krisen. Umso mehr hätte man sich natürlich über antworten gefreut.

Mein Problem mit dem Roman ist also keinesfalls der Stoff. Der ist toll. Die Thematik und die konstruierte Geschichte faszinierten mich und ich war sehr gespannt darauf, zum Wesentlichen vorzudringen – das leider nicht kam. Über viele, viele Seiten hinweg gab ich die Hoffnung nicht auf, dass sich unter der Oberfläche Brauchbares entwickeln würde. Das kommt auch, aber leider nur ansatzweise. Echten Tiefgang gibt es auf gefühlten 30 Seiten – und natürlich im Dialog mit einer Frau. Als Hartmuts Tochter Philippa den Vater nämlich nicht nur mit ihrer eigenen Entwicklung konfrontiert (und damit, dass er auch davon nicht wirklich viel mitbekommen hat) sagt sie ihm auch auf den Kopf zu, was für ein egoistischer und ignoranter Flegel er der Mutter gegenüber gewesen ist. Wie leicht zu täuschen und wie wenig interessiert er an wirklicher Nähe war. An diesem Punkt – schon ziemlich am Ende des Romans – hoffte ich dann auch ein letztes Mal auf die große Wende. Leider kam sie nicht. Es geht nach diesem Gespräch weiter in einem erzählerischen Plauderton, der weder inhaltlich noch sprachlich interessant ist. Sollte der Autor die Haltung Hainbachs und den Plauderton als Symbol für männliches (Problem)-Denken gewählt haben, gebührt dem ihm Hochachtung, denn das würde mir manches erklären – nicht nur was den Roman betrifft.

Mir persönlich ist der Stoff jedenfalls zu flach entwickelt, die Sprache enttäuschend und gewöhnungsdürftig, sehr verstrickt und immer wieder gespickt mit Formulierungen, die sehr aufgesetzt und gewollt wirken. Die vielen Rückblenden, Zeitsprünge, Bezüge und Überblendungen wirken auf mich wie gedankliche Überfrachtungen, die das Eigentliche, Wesentliche auch beim Lesen ständig verdrängen. Linear erzählt wäre der Roman wahrscheinlich noch weniger spannend geworden. Auch die mannigfaltigen autobiographischen Bezüge und Anspielungen wirken für meine Begriffe sehr aufgesetzt und sind mir eher unangenehm. Ihren Sinn verstehe ich nicht.

Man hätte es Hartmut (und dem Autor) gewünscht, dass sie ordentlich ins Nachdenken und Grübeln kommen, auch über das, was Frauen Männern oft vorwerfen: dass sie nicht zuhören, nicht wirklich präsent sind, in der Kommunikation und in ihrer Wahrnehmung oberflächlich sind. Lassen wir mal dahingestellt, ob dieser Vorwurf generell wirklich gerechtfertigt ist – zumindest ist Hartmut aber ein Paradebeispiel für diesen Typ Mann und eine Innensicht wäre hier höchst erhellend gewesen. So erfahren wir leider auch wenig darüber, ob die durchaus interessanten Impulse seiner Umwelt bei Hartmut überhaupt ankommen, ihn in irgendweiner Weise berühren und wie er sich mit ihnen auseinandersetzt – genau diese Auseinadersetzung wäre ja das eigentlich Spannende gewesen.

Natürlich finde ich, dass ein Autor Respekt verdient. Und der Job des Rezensenten ist zurecht stets ein fraglicher. Aber nach meiner Meinung gefragt, will ich es offen sagen: Warum die Fliehräfte für den »Deutschen Buchpreis« 2012 nominiert sind, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Aber vielleicht reden wir – ganz im Dilemma von männlicher und weiblicher Kommunikation gefangen – ja auch schon wieder an einander vorbei…

Stephan Thome: „Fliehkräfte“. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 474 Seiten, gebunden, 22,95 €.

Stephan Thome, 1972 in Biedenkopf geboren, studierte in Berlin Philosophie und Sinologie. Er  lebte mehr als 10 Jahre in Taipeh wo er zur chinesischen Philosophie forschte.

Die Bekanntgabe des Preisträges für den Deutschen Buchpreis 2012 erfolgt am 08. Oktober.

cdl./09/2012